Hungrig oder bedeutungslos: Warum die FDP jetzt alles ändern muss!
- Helmer Krane

- 11. Aug. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 zeigte die FDP Aufbruchstimmung. Plötzlich traute sich die Partei etwas: Anträge zu Online-Apotheken und Cannabis-Legalisierung fanden Mehrheiten. Christian Lindner fasste das Leitbild zusammen: „Fragt man einen Liberalen, um was es ihm geht, so wird seine Antwort sein: ‚Um Dich‘.“ Mit Mut und Herz schaffte die FDP 2017 ihr Comeback – 10,7 Prozent.
Lernen aus dem ersten Scheitern
Doch die Erneuerung scheiterte. Nach dem Wahlerfolg 2017 wurden die Errungenschaften langsam, dann immer schneller abgeschliffen. Der Höhepunkt war die Bundestagswahl 2025: Die Kampagne wollte keine breite Wählerkoalition mehr. Die Wirtschaft war der richtige Schwerpunkt. Aber die einzige Partei der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Freiheit verengte sich auf eine von beiden. Die Schuldenbremse war Dogma.
Dementsprechend fehlte die Erklärung und der Bezug zur Lebensrealität der Menschen. Dabei war klar, dass rund zwei Drittel der für uns relevanten Wähler sich vor allem sorgten um ausreichend Investitionen. Die Menschen fragten also: Wer investiert in unsere Schulen? Wer baut den in Teilen dysfunktionalen Staat neu auf? Die FDP gab keine klaren Antworten.
Aus den Trümmern etwas Neues
Die Erneuerung von 2013 sollte und kann nicht einfach wiederholt werden. Sie sollte nicht wiederholt werden, weil sie zu oberflächlich war für einen nachhaltigen Kulturwandel. Sie kann nicht wiederholt werden, weil die Lage 2025 eine andere ist als 2013.
Die Gesellschaft ist gespaltener. Der Bruch geht quer durch das liberale Lager. Es geht nicht um links oder rechts. Der wichtigste Bruch ist ein emotionaler an den Grenzen von Neugier und Angst, Vertrauen und Misstrauen, Ambiguitätstoleranz und Eindeutigkeitsstreben. Dies findet Ausdruck in unterschiedlichen Einstellungen zu Globalisierung, nationaler Souveränität, sozialen Freiheiten und kulturellen Traditionen.
Dieser Riss ist unsere Aufgabe. Die Aufgabe der FDP ist es, diesen Bruch nicht nur zu kitten, sondern etwas Neues zu schaffen, das über die Gegensätze hinausgeht.
Die Polarisierung aufsprengen
Die größte Herausforderung unserer Zeit ist der Kampf zwischen Demokratie und Autoritarismus. Populismus und Polarisierung vergiften die Debatten. Sie wollen keinen Raum für Nuancen und Kontext lassen. Auf dieses Spiel dürfen wir uns nicht einlassen, nicht versuchen sie in diesem Spiel zu schlagen. Stattdessen müssen wir in Art und Ansatz das Gegenmittel sein. Die FDP muss Mut zur Komplexität zeigen, Hoffnung statt Angst vermitteln und verlässliche, pragmatische Reformen anbieten.
Beispiele wie Bill Clinton oder der frühe Macron zeigen, wie Zentrismus die politische Starre aufbrechen kann – eine politische Starre, für die Schwarz-Rot mit ihrem Durchwurschteln stellvertretend steht. Zentrismus ist nicht der Mittelweg zwischen Unsinn und Unsinn. Es geht darum, wieder die Agenda zu bestimmen, auf die andere reagieren müssen.
Es gibt eine erschöpfte Mitte, die es leid ist, dass jede ihrer Lebensentscheidungen zu einem Kulturkampf gemacht wird. Fahre mit dem Lastenrad oder mit dem Auto. Grille dein Steak oder trinke Hafermilch. Gendere oder tue es nicht. Alles okay. Durchbrechen wir die Logik des Gegeneinanders – erst in der Partei und dann in Deutschland.
Strategie statt Taktik
Die FDP hat in den letzten Jahren strategisches Denken vernachlässigt. Hektische Manöver und PR-Stunts wie der Beschluss „Fahrplan Zukunft – eine Politik für das Auto“ 2024 zeigen: Es fehlt ein langfristiger Plan.
Die Partei muss Disziplin und Arbeitsteilung lernen, um interne Blockaden zu überwinden. Das wird auch beiderseitige Begrenzung erfordern. Die eine Seite kann nicht so kommunizieren, dass es der anderen Seite die Kommunikation verunmöglicht. Beispiel: Sowohl Klimaschutz als auch Flucht-Migration spalten unsere Wähler. Deshalb: neue Ansätze. Wir machen Klimapolitik ohne Überbietungswettbewerb bei den Zielen, sondern weil sie sich rechnet. Weil sie Jobs schafft. Weil sie Sicherheit schafft. Wir machen Migrationspolitik ohne Überbietungswettbewerb beim unmenschlichsten Umgang. Stattdessen sprechen wir über Integration. Heißt Bildung. Heißt Verhinderung von Ghettos. Heißt Prävention gegen Islamismus.
Mut zur Schwerpunktsetzung
Die FDP muss ihre Kräfte bündeln und sich auf Themen konzentrieren, die sie glaubwürdig vertreten kann: Wirtschaft, Bildung, Rechtsstaat. Es geht nicht um programmatische Verengung, sondern um kommunikative Schwerpunkte, die liefern.
Eine neue Art, Personal aufzubauen
Die FDP braucht eine gezielte Förderung von Talenten und eine echte Frauenförderung. Das Female Empowerment-Programm ersetzt beides nicht. Wer unsere Ideen nach außen trägt, muss vorbereitet sein. Geschult. Trainiert. Unterstützt. Wer wenn nicht wir, sollte dafür berühmt werden, in die Weiterbildung seiner Mitglieder zu investieren? Der Frauenanteil von unter 20 Prozent ist auch strategisch eine Bankrotterklärung. Strukturelle Antworten, wie optionale Doppelspitzen, sind notwendig, um stärker in Wahlen zu gehen. Der Regionalproporz muss zurückgedrängt werden.
Regierungsfähigkeit entscheidet
Die FDP muss zeigen, dass sie Verantwortung übernehmen kann. Faktisch fehlt es am Regierungswillen. Zu vielen ist Opposition im Moralisten-Elfenbeinturm eigentlich genug – das darf es aber nicht sein. Strategisches Denken erlaubt es, größere Reformprojekte in Koalitionsverhandlungen zu verankern und weniger politisches Kapital in Blockaden zu versenken. Ziel muss es sein, das Land zu gestalten.
Strukturen reformieren – bevor wir das Land reformieren
Die Partei muss ihre eigene Organisation modernisieren. Das ist die Grundlage für innovative Politik. Wir wollen begeistern, aber unsere Parteitage wirken mit dem Vorstand vorne wie Hauptversammlungen einer AG. Wir brauchen eine andere Parteikultur. Für eine Partei mit der Kernbotschaft, dass Menschen in Verantwortung frei leben können, sind etwa Delegiertensysteme mindestens auf unteren Ebenen zu hinterfragen. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel ändern, nur um frische Luft in den FDP-Raum zu lassen.
Führungs- und Verantwortungskultur
Fehlverhalten wird in der Partei zu oft totgeschwiegen – das ist nicht einmal Aufsichtsratsmentalität. Die Vorbildfunktion von Führungskräften wird unterschätzt. Dass Thomas Kemmerich trotz Videos mit Frauke Petry, in der diese Werbung für ihre neue Partei macht, immer noch im Bundesvorstand kooptiert ist, vermittelt in die Partei hinein den Eindruck, dass so ein Verhalten in Ordnung sei.
Auch ein „D-Day“-Papier war letztlich Ausdruck mangelnder Verantwortungskultur. Mitarbeitern kann man mehr zutrauen. Sie müssen dann auch stärker einbezogen werden in die Verantwortung.
Ein Programm, das wieder begeistert
Die FDP muss wieder zeigen: Wir denken die Zukunft voraus. Dazu gehören Visionen. So etwas wie die Aktienrente brauchen wir auch in allen anderen Bereichen. Dazu gehören aber auch realistische Schritte auf dem Weg dahin. Subventionen abbauen? Klar. Dann aber auch: Welche im ersten Schritt? Was stellen wir Besseres mit dem Geld an? Ein Beispiel für verlässliche, pragmatische Reformkommunikation.
Viele Wähler sehen heute keinen Unterschied zwischen uns und der Union. Wir dürfen nicht wie eine kleine Kopie der Union wirken. Wer als Wähler überlegt, von der Union zur FDP zu wechseln, will gerade etwas anderes. Eine andere Sprache. Eine andere Haltung. Ein anderes Versprechen.
Alles ist veränderbar. Auch wir.
Die neue Achse der Politik lautet: Wandel oder Rückzug. Hoffnung oder Angst. Fortschritt oder Stillstand. Eine hungrige, zukunftsorientierte FDP kann gefährlich sein – für die Linke, weil sie Chancen statt Bürokratie bietet, und für die Rechte, weil sie Offenheit mit Ordnung verbindet. Aber das klappt nur, wenn die Partei hungrig bleibt: auf Zukunft, Veränderung und Erfolg.
Dieser Artikel erschien zuerst in der jung+liberal, Ausgabe 03/2025.



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